Thema:
GANZKÖRPERSCHMERZ
Schmerz am ganzen Körper
Der Begriff "Ganzkörperschmerz" wird von einigen Autoren synonym (= sinnverwandt, gleichbedeutend) für die Fibro myalgie verwendet, obwohl dies nicht korrekt ist, wie weiter unten dargestellt wird. Weiter Synonyme für die gleiche Krankheit: Fibrom yalgiesyndrom, Fi brositis, Fi brositissyndrom, general isiertes myo fasziales Synd rom, general isiertes myo fasziales Schmerzsynd rom.
Die Ursache ist nicht bekannt. Diskutiert
werden mitochondriale (eine stoffwechselaktive,
stäbchenförmige Struktur im Zellinnern betreffende) Störungen in der
Mus
kulatur und
neurohormonelle (= Nerven und Hormone betreffende)
bzw. endokrine (= Hormondrüsen betreffende)
Störungen. Diskutiert werden aber auch psychische Ursachen, so z.B. eine Störung
in der Verarbeitung eines chronischen Stresses, insbes. nach einem psychischen
Trauma (z.B. sexueller Mißbrauch, Abtreibungen, Verlust einer sehr nahe
stehenden Person). Solche Überlegungen führen dann rasch zu der Annahme, daß es
sich bei einem Ganzkörperschmerz um eine psychomatische Erkrankung handelt und es
werden entsprechende Therapien eingeleitet, die aber in aller Regel für die
Betroffenen enttäuschend verlaufen und der
Fibromyalg ie
-Patient fühlt sich (zu
Recht) in die "psychische Ecke" abgeschoben.
Primär bedarf ein Fibromyalg
ie -Patient einer somatischen
(= körperbezogenen) Behandlung, begleitend natürlich auch eine
psychologische Betreuung, wie bei anderen
Schmerzkrankheiten auch. Wichtig ist
vor allem ein Schmerzbewältigungstraining, damit der Patient im Alltag besser mit seinen
Beschwerden zurecht kommt.
Die Krankheit ist auch heute noch in Fachkreisen umstritten. Es gibt nicht wenige Ärzte, darunter auch Gutachter, die die Fibromyalg ie einfach negieren. In der Regel haben Patienten mit dieser Erkrankung eine wahre Odyssee hinter sich, bis die Schmerzkrankheit endlich erkannt bzw. diagnostiziert wird.
Diese Seite soll dazu beitragen, die Erkrankung möglichst frühzeitig zu erkennen, damit die betroffenen Patienten rasch einer adäquaten Therapie zugeführt werden können und damit meinen wir die Spezielle Schmerztherapie.
Die Fi bromyalgie ist durch eine Vielzahl diffuser, breitflächiger, spontan schmerzhafter Regionen mit wechselnden "rheumatischen" Beschwerden im muskuloskelettalen (= Mus keln und Skelett betreffenden) System bei insgesamt deutlich erniedrigter Schmerzschwelle gekennzeichnet. Es liegt eine Kombination von psychischen, aber hauptsächlich neurologischen und funktionellen Störungen vor.
Dieser Ganzkörperschmerz geht mit folgenden Symptomen
(= Krankheitszeichen) einher:
(Quelle: Prof. Dr. W. Müller, Prof. Dr. Wolfe, Prof. Dr.
P.A. Berg)
| Tender-Points (= Schmerzdruckpunkte) | 90,1-100 % |
| Myalgien (= Muskelschmerzen) | 80-97,6 % |
| Hyperhidrosis (= krankhaft vermehrte Schweißbildung) | 76 % |
| Morgensteifigkeit | 67-77 % |
| Arthralgien (= Gelenkschmerzen) | 60 % |
| Unverträglichkeitsreaktionen / Allergien | 60 % |
| Kopfschmerzen / Migräne | 52,8-95 % |
| Depressionen | 31,5-51 % |
| Chronische Müdigkeit | 50-81,4 % |
| Kolon irritabile (= Reizdarmsyndrom) | 29,6-40 % |
| Dysmenorrhoe (= schmerzhafte Regelblutungen) | 40 % |
| Subjektive Schwellungen | 38 % |
| Schlafstörungen / fehlende Tiefschlafphase | 74,6-92 % |
| Konzentrationsschwäche | 32 % |
| Abgeschlagenheitsgefühl | 32 % |
| Schwindelgefühl | 27 % |
| Parästhesie n (= Kribbeln, Prickeln, Taubsein) | 21-62,8 % |
| Ekchymosen (= kleine fleckige Blutungen / blaue Flecken) | 20 % |
| Sicca-Symptome (= Trockenheit der Schleimhäute) | 35,8-77 % |
| Subfebrile Temperaturen (37,1 – 38,0°) | 11 % |
| Blasenschmerzen bei Reizblase | 10-26,3 % |
| Raynaud Syndrom (= Durchblutungsstörung der Hände u. Füße) | 15-16,7 % |
| Tachykardie/Arrhythmie (= erhöhte bzw. unregelm. Herzfrequenz) | 24-50 % |
Hinzuzufügen wären noch das Restless legs-Syndrom (= unruhige Beine), das bei ca. 40% unserer Fibromyalg ie -Patienten vorlag, sowie nervöser Reizmagen (ca.35%).
Der Symptomkomplex "Müdigkeit" zeichnet sich aus durch: Überschießende Reaktion auf physischen und psychischen Streß mit rascher Ermüdbarkeit und rascher Erschöpfung, geringere Belastbarkeit, Leistungsschwäche und Konzentrationsstörung.
Die Schlafstörung betrifft besonders die Tiefschlafphase IV (Non-REM-Phase), verursacht ein Gefühl der Zerschlagenheit und verhindert einen erholsamen Schlaf.
Regelmäßig finden sich bei der Fibromyalg ie druckschmerzhafte Punkte an 18 (2x9) definierten Stellen (Tender points):
Umgekehrt gibt es bei der Fibromyalg ie 13 (1+2x6) nicht druckschmerzhafte Kontrollpunkte:
An dieser Stelle wird für den Krankheitsbegriff "Ganzkörperschmerz" (Schmerz am ganzen Körper!) ein Widerspruch offensichtlich, gibt es also doch Körperpunkte, die eben nicht schmerzhaft sind bzw. bei dieser Er krankung nicht schmerzhaft sein dürfen.
In der Regel können beim Ganzkörperschmerz keine
Organerkrankungen aufgedeckt werden, die Röntgenbefunde sind normal, ebenso die
Laborwerte (Entzündungsparameter, Diff. Blutbild,
Rheuma serologie, Immunglobuline und
Muskel
enzyme). In 30-70% sind die Antikörper gegen Serotonin,
Phospholipide, Ganglioside und Nukleoli positiv. Die Muskel
biopsie
(= mikroskopische Gewebeuntersuchung) ist
unauffällig.
Die Komplexität der Symptome läßt
großen Spielraum für differentialdiagnostische Erwägungen
(= was außer dieser Krankheit sonst noch in Betracht kommen könnte):
Ätiologie (=
Krankheitsursache) und Pathogenese
(= Krankheitsentwicklung) der
Fibromyalg ie sind noch unbekannt und führen zu kontroversen Spekulationen.
Die Tatsache, daß bei vielen dieser
Patienten keine psychologischen Besonderheiten nachzuweisen sind, spricht nach Wolfe
(1984) gegen eine primär psychogenetische (=
in der Psyche begründete) Erklärung. Die psychischen Besonderheiten
bei einer Reihe von Patienten könnten auch sekundär durch den Krankheitsverlauf
aufgetreten sein.
Differentialdiagnostisch (= was außer dieser
Schmerzerkrankung sonst noch in Betracht kommen könnte)
ist zu
bedenken, daß sich hinter einer scheinbar monokausalen
Panalgie
(= durch 1 Krankheit verursachter
Ganzkörperschmerz)
auch ein psychisch verursachtes
Schmerzsyndrom verbergen kann.
Behandlung bei
diesem Schmerz am ganzen Körper:
Das komplexe Beschwerdebild erfordert eine stationäre interdisziplinäre, multimodale (=
mehrere Maßnahmen beinhaltende) Therapie im
Rahmen der "speziellen
Schmerztherapie".
Bei multikausaler
Genese (= durch verschiedene Krankheiten
verursachte Entwicklung) der Pana lgesie
werden die
einzelnen Schmerzbilder entsprechend ihrer Dominanz behandelt. Da in der Regel
die Schmerzschwelle herabgesetzt ist, ist eine begleitende schmerzdistanzierende
Medikation mit einem tri- oder tetrazyklischen
Antidepressivum (z.B.
Doxepin, Maprotilin), evtl. vorübergehend auch in Kombination mit einem
Neuroleptikum (z.B. Levomepromazin) sinnvoll.
Ganz wichtig ist, daß
der Patient über denn Sinn dieser Medikation genau aufgeklärt wir, daß nämlich
bestimme Antidepressiva eben auch
nachweislich schmerzlindernd wirken, weil er sich sonst nämlich wieder in die
"psychische Ecke" gedrängt fühlt.
Hilfreich ist bei einem Ganzkörperschmerz auch eine
initiale (= am Anfang, als erstes) 3-4 tägige psychovegetative Entspannung durch eine sogenannte
"Schlafkur". Zur wiederholten Schlafinduktion verwenden wir 1-2 mg
Flunitrazepam (z.B. Rohypnol ®), zusätzlich geben wir 1-2 mal täglich 40 mg
Prothipendyl (Dominal forte ® ).
Zunächst sollte der Patient über die prinzipiell gutartige Natur des
Ganzkörperschmerz
es
aufgeklärt werden, wobei aber
mögliche Folgen einer Chronizität (psychosoziale Aspekte, Risiken einer
ständigen Medikamenteneinnahme) nicht verschwiegen werden sollten. Ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt und Patient kann den bis dahin
unbefriedigenden Verlauf durchbrechen. Es ist aber auch zu bedenken, daß
weitere erfolglose Therapieversuche erneut zu Enttäuschungen führen können,
die einer weiteren Chronifizierung Vorschub leisten.
Desweiteren ist ein therapeutisches Vorgehen erforderlich, das den
multifaktoriellen Ursprung der Er
krankung berücksichtigt.
Dazu gehört insbesondere eine begleitende
psychologische Behandlung, die
zu einer Verbesserung der Schmerzverarbeitung bzw. Erhöhung der Schmerztoleranz
beiträgt.
Eine schmerzdistanzierende, antidepressive Behandlung sollte
bei den betroffenen Patienten frühzeitig eingesetzt werden,
zumal damit auch eine Besserung der häufig bestehenden Schlafstörungen zu
erreichen ist.
Periphere Analgetika (=
Schmerzmittel) können versucht werden,
überwiegend ist damit jedoch keine zufriedenstellende Schmerzreduktion zu
erreichen. Auch der Einsatz von Opioiden (z.B. Morphium) ist oftmals
enttäuschend. Eher sahen wir eine positive Wirkung bei Verabreichung von Muskelrelaxanzien
(= Mittel zur Entspannung von Mus keln),
vor allem Tolperison (Mydocalm®). Alternativ kann Baclofen (z.B. Lioresal®)
verordnet werden.
Auch die
therapeutische
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen
Betäubungsmittel)
in
Form einer Triggerpunkt-Behandlung (=
Behandlung von umschriebenen Reizzonen),
Infiltrationen besonders schmerzhafter Körperbereiche, aber auch Nervenbetäubungen, falls notwendig sogar
kontinuierlich mit Katheter
(= eingepflanztem Kunststoffschlauch),
ist bei der Fibromyalg
ie oftmals hilfreich. Bei Vorliegen einer
sympathischen Überaktivität sind epidurale (=
rückenmarknahe) oder periphere
Sympathikusblockaden
(= das vegetative
Nervensystem betreffende Blockaden), auch
kontinuierlich mit Katheter, erfolgversprechend.
Physiotherapeutische
Behandlungsmaßnahmen (u.a. Krankengymnastik) werden im Anfangsstadium
meist als angenehm empfunden und steigern damit das
körperliche Wohlbefinden. Sie sollen dazu beitragen, den Patienten mehr
Vertrauen zum eigenen Körper zu vermitteln und die Mobilität zu steigern.
Werden z.B. nur Massagen verordnet, besteht die Gefahr, daß sich passive
Tendenzen im Krankheitsverlauf verstärken. Ohnehin sind die üblichen
Massagebehandlungen (Ausnahme: Spezialmassagen wie. z.B. Bindegewebsmassagen
oder Lymphdrainagen) aus schmerztherapeutischer Sicht völlig entbehrlich und
werden von uns nur noch selten verordnet.
Erwähnt sei noch die Wärmekammer,
die bei manchen Patienten mit einem
Ganzkörperschmerz zu einer deutlichen Beschwerdereduktion führt.
Bei einem fortgeschrittenen Ganzkörperschmerz ist die notwendige
krankengymnastische Therapie meist schmerzbedingt nicht oder nur sehr
eingeschränkt durchführbar, so daß übliche Rehabilitationsbehandlungen mit dem
Schwerpunkt "Physiotherapie" zwar nicht umsonst, in aller Regel aber vergeblich
sind. Der große Vorteil einer gezielten Schmerzrehabilitation ist der, daß den
krankengymnastischen Beübungen jeweils eine intensive ärztliche Behandlung
vorgeschaltet werden kann. Mit der therapeutischen Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen
Betäubungsmittel)
läßt sich die
Schmerzempfindung deutlich herabsetzen, so daß dann eine sinnvolle
Krankengymnastik erfolgen kann.
Aktualisiert: 23.05.2006 k u
A
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